Pilz des Jahres 2017:

 

Judasohr (Auricularia auricula-judae)

Foto: K. - H. Johe


Katharina Krieglsteiner (links) beim Färben mit Pilzen im Rahmen der PilzCoach-Ausbildung.        Foto: K.-H.Johe


Zum Erscheinen der Roten Liste, Band 8: Pilze (Teil 1) – Großpilze, Herausgeber: Bundesamt für Naturschutz (BfN) 2016

 

 

 

„Ein Spiegelbild der Vergangenheit“

 

 

Wie es um die Großpilze in heimischen Wäldern bestellt ist und was diese kurz- oder langfristig gefährdet, zeigt die Ende 2016 erschienene Gefährdungsanalyse der Großpilze in Deutschland. Damit liegt nun für Naturschutzbehörden und Speisepilzsammler eine wichtige Orientierungshilfe vor, der mehr als drei Millionen Datensätze zu Grunde liegen. Das reicht, um für etwa die Hälfte der Arten die Gefährdung einschätzen zu können – auch wenn die Erfassung noch nicht abgeschlossen ist.  Jahrzehntelang haben bundesweit rund 500 Experten der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) die Daten gesammelt. Darunter sind auch tausende Daten aus unserer Region. Die Rote Liste stellt klar, dass Pilze in den Ökosystemen vielfältige und wichtige Funktionen haben. Das ist vielen nicht bewusst oder wird einfach verdrängt, wenn es um wirtschaftliche Interessen geht.  Großpilze dienen zum Beispiel als Bioindikatoren, indem sie Auskunft über den Zustand der Wälder geben. Viele Pilze können ohne ihre Wirte oder Symbiosepartner nicht leben, und umgekehrt brauchen viele Bäume Pilze als Partner. Der Mykorrhiza-Pilz erhält vom Baum wichtige Stoffwechselprodukte und der Baum bekommt dafür über die feinen Pilzhyphen Wasser und Nährstoffe. Gleichzeitig schützt eine Mykorrhiza den Baum vor Krankheiten. Ohne Pilze würde es intakte Ökosysteme, wie Wiesen und Wälder nicht geben.

 

Auffallende Rückgänge zeichnen sich schon seit vielen Jahren unter anderem bei Pfifferlingen, einigen Champignon-, Milchlings- und Röhrlingsarten ab. Pilzsammlern wird häufig unterstellt, dass sie durch ihr Tun langfristig Pilze dezimieren. Entsprechend emotional werden mancherorts  Sammelverbote und -beschränkungen eingeführt oder debattiert. Mittlerweile gilt es aber als erwiesen, dass  sachgemäßes Pilze sammeln keinen negativen Einfluss auf die Vermehrung von Pilzen hat. Vergessen darf man aber nicht, dass exzessives Absammeln aller Pilzfruchtkörper (kommerzielle Sammel-Trupps) die Sporenbildung und -ausbringung vermindert  und dadurch sogar den Fortbestand an manchen Stellen gefährdet.

 

Eine wesentliche Rückgangsursache war laut Roter Liste in den 1960er- bis 1980er-Jahre der „Saure Regen“. Um Schäden in den hiesigen Wäldern entgegenzuwirken, werden heute noch Wald-Kalkungen betrieben, um den Boden-pH-Wert anzuheben. Letztlich verstärken diese aber die negativen Effekte von Gülle und Kunstdünger, die von Feldern in den Wald gelangen. Das führt – zusammen mit den Abgasen aus Autos und Industrieanlagen (NOx) – zum Absterben vieler Mykorrhizapilze, die die Bäume als Partner brauchen.

 

Rote Listen gefährdeter Arten sind in erster Linie ein Spiegelbild der Vergangenheit und es hängt vor allem davon ab, in welchem Ausmaß sie Beachtung finden und was man letztendlich daraus macht, wenn man den Artenschwund stoppen will.

 

 

Info: Karl-Heinz Johe  ist Mitarbeiter der Pilzschule Schwäbischer Wald in Ruppertshofen. Seit 1982 Pilzsachverständiger (DGfM), Pilz-Coach-Ausbilder (DGfM), Fachbeauftragter für Pilze (NABU- BW) und 1. Vorsitzender des NABU Gaildorf-Limpurger Land.